Ich habe meinen Nachbarn dreimal gebeten, keine Teebeutel mehr auf meinen Balkon zu werfen, aber er hat nicht lange gelacht.
Dreimal hatte ich meinen Nachbarn gebeten, keine benutzten Teebeutel mehr auf meinen Balkon zu werfen. Beim ersten Mal entschuldigte er sich, beim zweiten Mal nahm er mich nicht ernst, und beim dritten Mal lachte er einfach. Irgendwann wurde mir klar, dass höfliche Gespräche allein nichts verändern würden. Also beschloss ich, die Sache anders anzugehen, ohne Streit anzufangen oder selbst etwas Unangemessenes zu tun.
3.
Der feuchte Teebeutel landete direkt neben meinem Balkonstuhl. Frau Carter betrachtete ihn einen Moment lang, blickte nach oben und dann zu mir. Ich brauchte nichts zu erklären, denn sie hatte den gesamten Vorgang mit eigenen Augen beobachtet.
„Nun“, sagte sie ruhig, „damit dürfte die Frage geklärt sein.“
Sie bat mich, den Teebeutel zunächst liegen zu lassen, und ging anschließend direkt nach oben zu Wohnung 4B. Ich blieb in meiner Wohnung und hörte einige Minuten später Schritte im Treppenhaus.
Kurz darauf klingelte es. Als ich öffnete, stand mein Nachbar vor der Tür. Hinter ihm wartete Frau Carter.
„Du hast mich bei der Hausverwaltung gemeldet?“, fragte er erstaunt.
„Ich habe dich dreimal gebeten, damit aufzuhören. Ich wusste mir irgendwann nicht mehr anders zu helfen.“
Er schüttelte den Kopf.
„Wegen eines Teebeutels?“
Frau Carter antwortete, bevor ich etwas sagen konnte.
„Es geht nicht um einen einzelnen Teebeutel, sondern darum, dass wiederholt Abfälle auf den Balkon einer anderen Bewohnerin gelangen. Unsere Hausordnung untersagt ausdrücklich, Gegenstände, Flüssigkeiten oder Lebensmittelreste über Balkongeländer zu werfen.“
Mein Nachbar sah sie an, sagte jedoch nichts mehr. Zum ersten Mal schien er zu verstehen, dass sein Verhalten nicht einfach mit einem beiläufigen Lächeln erledigt war.
Einige Tage später erhielt er eine offizielle schriftliche Mitteilung wegen des Verstoßes gegen die Hausordnung. Außerdem musste er die Kosten einer professionellen Balkonreinigung und den Ersatz meines beschädigten Stuhlpolsters übernehmen, nachdem ich die entsprechenden Belege eingereicht hatte.
Doch damit war die Geschichte noch nicht ganz vorbei.
Die Hausverwaltung verschickte anschließend an sämtliche Bewohner eine freundliche Erinnerung an die Balkonregeln. Darin wurden weder Namen noch Wohnungsnummern genannt, und trotzdem verstanden erstaunlich viele Nachbarn sofort, worum es ging.
In den nächsten Tagen hörte ich gelegentlich scherzhafte Bemerkungen im Eingangsbereich.
„Vorsicht mit dem Tee!“, rief einmal jemand lachend, als ein anderer Bewohner mit einer Tasse vorbeiging.
Ich musste lächeln. Mein Nachbar reagierte darauf inzwischen deutlich zurückhaltender als früher.
Das Wichtigste war allerdings etwas anderes: Von diesem Tag an landete kein einziger Teebeutel mehr auf meinem Balkon.
Etwa einen Monat später begegneten wir uns zufällig an den Briefkästen. Zunächst schaute er zur Seite, dann blieb er stehen.
„Ich habe mich wirklich nicht besonders rücksichtsvoll verhalten“, sagte er leise.
„Nein, das hast du nicht“, antwortete ich.
Er nickte.
„Ich hätte gleich beim ersten Mal auf dich hören sollen.“
„Das hätte uns beiden einiges erspart.“
Für einen kurzen Moment mussten wir sogar lächeln. Danach gingen wir ganz normal auseinander.
Ich hatte nie gewollt, dass mein Nachbar sich vor anderen rechtfertigen musste. Ich wollte lediglich meinen Balkon nutzen können, ohne ständig darauf achten zu müssen, was von oben herunterfallen könnte.
Wochenlang hatte er seine Gewohnheit für belanglos gehalten, weil der Teebeutel aus seinem Blickfeld verschwand, sobald er ihn losließ. Dass jemand anderes ihn anschließend entsorgen und die Flecken beseitigen musste, interessierte ihn offenbar wenig.
Am Ende brauchte es weder laute Diskussionen noch endlose Beschwerden. Eine sorgfältige Dokumentation und eine unabhängige Zeugin hatten mehr erreicht als drei persönliche Gespräche.
Seitdem trinke ich meinen Morgenkaffee wieder ganz entspannt
zwischen meinen Blumen. Und manchmal denke ich daran, wie erstaunlich schnell ein kleines Alltagsproblem gelöst werden kann, sobald jemand die Verantwortung dafür übernimmt.
Was meint ihr: Hättet ihr schon beim ersten Teebeutel die Hausverwaltung eingeschaltet, oder hättet ihr eurem Nachbarn ebenfalls mehrere Chancen gegeben?