Ich nahm einen Jungen bei mir auf – zwei Wochen später erzählte er mir etwas völlig Unerwartetes.
Zehn Pflegefamilien hatten Luke bereits aufgenommen, doch jedes Mal war er wieder in die Betreuungseinrichtung zurückgekehrt. Als ich ihn zum ersten Mal sah, konnte ich kaum glauben, was man mir über diesen Jungen erzählte. Trotz aller Warnungen beschloss ich, ihn näher kennenzulernen, und einige Monate später wurde er mein Sohn. Die ersten beiden Wochen verliefen so harmonisch, dass ich mich immer wieder fragte, was die anderen Familien erlebt hatten.
2.
Luke betrachtete lange seinen Teller, bevor er weitersprach.
„Bei meiner vierten Pflegefamilie lebte ein kleines Mädchen. Sie war sieben und hatte oft Angst, etwas falsch zu machen.“
Ich hörte aufmerksam zu, während er erklärte, dass das Mädchen zu Hause kaum Gehör gefunden hatte. Luke hatte bemerkt, dass sie sich zunehmend zurückzog, und wollte Unterstützung für sie organisieren.
„Ich erzählte einer Betreuerin davon, aber sie dachte, ich hätte die Situation falsch verstanden.“
„Was hast du dann gemacht?“
„Ich habe immer wieder versucht, mit jemandem darüber zu sprechen. Irgendwann wurde ich als schwierig eingestuft und musste die Familie verlassen.“
Später war die Situation überprüft worden. Das Mädchen erhielt zusätzliche Unterstützung und wurde schließlich in einer anderen Familie untergebracht.
Luke erzählte weiter.
Bei seiner sechsten Pflegefamilie hatte er bemerkt, dass wichtige Sicherheitsregeln für die jüngeren Kinder nicht eingehalten wurden. Er dokumentierte seine Beobachtungen und informierte die zuständige Stelle.
Auch dort endete seine Unterbringung kurz darauf.
„Und bei der achten Familie?“, fragte ich vorsichtig.
Luke seufzte.
„Dort wurde das Geld, das eigentlich für unsere Versorgung gedacht war, nicht vollständig dafür verwendet. Manchmal fehlten einfache Dinge, die wir brauchten.“
Er hatte schließlich einer Lehrerin davon erzählt, woraufhin die Betreuung überprüft worden war.
„Ich weiß, dass ich nicht immer richtig reagiert habe“, sagte er. „Manchmal war ich ungeduldig oder habe mich zurückgezogen. Aber ich wollte einfach, dass jemand zuhört.“
Nun verstand ich, weshalb die Berichte so häufig von Schwierigkeiten gesprochen hatten. Luke hatte versucht, Probleme anzusprechen, war dabei jedoch selbst immer wieder in den Mittelpunkt der Kritik geraten.
Dann erzählte er mir von seiner ersten Pflegefamilie.
Damals war er zwölf gewesen und hatte gerade seine Mutter verloren. Nachts konnte er häufig nicht schlafen und setzte sich leise vor den Fernseher, weil ihn die Stimmen beruhigten.
Seine Pflegeeltern hatten dieses Verhalten als mangelnde Anpassung verstanden.
„Damals dachte ich, mit mir stimmt etwas nicht. Ich wollte doch nur nicht allein in meinem Zimmer liegen.“
Seine Augen füllten sich mit Tränen.
„Bei dir habe ich das erste Mal seit Jahren das Gefühl, wirklich zu Hause zu sein. Aber ich merke, dass du manchmal darauf wartest, dass ich etwas
falsch mache.“
Diese Worte trafen mich. Er hatte recht.
Ich war so sehr damit beschäftigt gewesen, seine Vergangenheit zu verstehen, dass ich unbewusst nach Anzeichen von Schwierigkeiten gesucht hatte.
Luke sah mich unsicher an.
„Deshalb wollte ich dir alles erzählen. Du sollst wissen, wen du aufgenommen hast.“
Ich stand auf und ging langsam um den Tisch herum.
Doch bevor ich ihn umarmen konnte, stellte Luke mir noch eine Frage, die ich niemals vergessen würde.
„Mama, darf ich auch dann bleiben, wenn ich irgendwann nicht mehr alles richtig mache?“T.ipp.en Sie auf das F.oto, um de.n v.ollständigen Ar.tikel an.zuzeig.en