Ich habe 100 gelbe Rosen bekommen, während mein Mann auf Geschäftsreise war – wegen der Anzahl der Blumen habe ich die Polizei gerufen

Als Amber an diesem Freitagmorgen die Haustür öffnete, erwartete sie höchstens ein Paket für die Nachbarn oder die Tagespost. Daniel war seit zwei Tagen auf einer Geschäftsreise, und das Haus wirkte ohne ihn ungewöhnlich ruhig. Doch direkt vor der Tür stand eine schmale Holzkiste, sorgfältig mit einer dunkelblauen Schleife verschlossen. Es gab weder einen Absender noch eine Nachricht. Nur ihr Name war in feinen silbernen Buchstaben in das Holz eingraviert. Noch wusste Amber nicht, dass diese rätselhafte Lieferung sie auf eine Reise führen würde, die längst vergessene Erinnerungen und eine Wahrheit ans Licht bringen sollte, über die in ihrer Familie jahrzehntelang geschwiegen worden war.

Haz 28, 2026 - 12:09
 0  4k
1 / 3

1.

Amber hob die Holzkiste vorsichtig auf und trug sie in die Küche. Der Duft von frischem Kaffee lag noch immer in der Luft, während draußen feiner Regen gegen die Fensterscheiben fiel. Daniel war seit zwei Tagen auf Geschäftsreise, und das Haus fühlte sich ohne ihn ungewöhnlich ruhig an. Sie stellte die Kiste auf den Esstisch und betrachtete sie aufmerksam. Das Holz war glatt geschliffen, die dunkelblaue Schleife sorgfältig gebunden und auf dem Deckel war nur ein einziges Wort eingraviert: Amber. Kein Firmenlogo, kein Absender und keine Liefermarke verrieten, woher sie stammte. Sie strich mit den Fingerspitzen über ihren Namen und hatte plötzlich das seltsame Gefühl, diese Kiste schon einmal gesehen zu haben, obwohl sie sich sicher war, dass das unmöglich war.
„Daniel hätte mir von so etwas erzählt“, sagte sie leise.
Sie löste langsam die Schleife, hob den Deckel an und faltete das helle Seidenpapier auseinander. Darunter lag eine alte silberne Taschenuhr, deren Oberfläche trotz ihres Alters nahezu makellos war. Neben der Uhr befand sich ein cremefarbener Umschlag. Auch darauf stand nur ihr Name. Vorsichtig öffnete Amber den Brief. Die Handschrift wirkte elegant und vertraut. Sie begann zu lesen.
„Wenn dieser Brief dich erreicht, ist die Zeit gekommen, dich an den Ort zu erinnern, an dem eure gemeinsame Geschichte wirklich begonnen hat. Suche nicht nach Antworten bei anderen. Folge zuerst deinen eigenen Erinnerungen.“
Mehr stand dort nicht. Keine Unterschrift. Kein Datum. Kein Hinweis darauf, wer den Brief geschrieben hatte. Amber las die wenigen Zeilen immer wieder. Irgendetwas an der Handschrift ließ sie nicht los. Sie konnte sich jedoch nicht erinnern, wo sie diese geschwungenen Buchstaben schon einmal gesehen hatte. Langsam legte sie den Brief neben die Taschenuhr und blickte aus dem Fenster. Der Regen wurde stärker. Die Tropfen liefen in langen Bahnen über das Glas und ließen den Garten verschwimmen.
Sie griff nach ihrem Handy und rief Daniel an.
„Der gewünschte Teilnehmer ist momentan nicht erreichbar.“
Sie versuchte es ein zweites Mal.
Wieder meldete sich nur die Mailbox.
Das war ungewöhnlich. Daniel antwortete normalerweise spätestens nach wenigen Minuten, selbst wenn er gerade in einer Besprechung war. Amber schrieb ihm eine kurze Nachricht.
„Ist das Paket von dir?“
Sie legte das Telefon neben sich und wartete. Währenddessen nahm sie die Taschenuhr erneut in die Hand. Auf der Rückseite entdeckte sie eine feine Gravur. Es war kein Name, sondern ein kleines Symbol in Form eines Ahornblattes. Im selben Augenblick erinnerte sie sich daran, dass sie dieses Zeichen schon einmal gesehen hatte. Vor fast zwanzig Jahren, während ihres ersten gemeinsamen Urlaubs mit Daniel, hatte sich dasselbe Symbol auf einem alten Wegweiser in einem kleinen Dorf befunden. Damals hatten sie darüber gelacht, weil Daniel überzeugt gewesen war, das Zeichen müsse eine besondere Bedeutung haben.
„Das kann doch kein Zufall sein“, flüsterte Amber.
Sie öffnete eine Schublade und holte ein altes Fotoalbum hervor. Seite für Seite blätterte sie durch die Bilder ihrer ersten gemeinsamen Reisen. Schließlich blieb sie an einem Foto hängen. Daniel stand lächelnd vor einem kleinen Steinhaus am Waldrand. Im Hintergrund war deutlich derselbe hölzerne Wegweiser mit dem Ahornblatt zu erkennen. Amber spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Bis zu diesem Moment hatte sie jahrelang nicht mehr an diesen Ort gedacht. Warum erinnerte sie ausgerechnet jetzt jemand daran? Noch während sie das Foto betrachtete, vibrierte ihr Handy. Sie griff sofort danach. Doch anstelle einer Antwort von Daniel erschien eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.
„Die Uhr zeigt nicht die Zeit. Sie zeigt den Weg.“
Amber runzelte die Stirn. Sekunden später folgte eine zweite Nachricht.
„Wenn du verstehen möchtest, warum dieses Paket dich erreicht hat, fahre zu dem Steinhaus auf dem Foto. Warte dort bis zum Sonnenuntergang. Nimm die Uhr und den Brief mit. Mehr brauchst du nicht.“
Sie las die Nachricht mehrfach. Weder Drohungen noch Forderungen waren darin enthalten. Trotzdem fühlte sich alles rätselhaft an. Sie wollte die Nummer zurückrufen, doch der Anruf konnte nicht hergestellt werden. Es war, als hätte die Nummer nie existiert. In diesem Moment traf endlich eine Nachricht von Daniel ein.
„Tut mir leid. Ich war den ganzen Vormittag in Besprechungen. Welches Paket meinst du?“
Amber blickte abwechselnd auf den Bildschirm und auf die Holzkiste. Wenn Daniel nichts davon wusste, wer hatte sie dann geschickt? Noch bevor sie eine Antwort formulieren konnte, bemerkte sie etwas, das ihr bisher entgangen war. Der Sekundenzeiger der Taschenuhr bewegte sich plötzlich langsam in eine Richtung, obwohl sie gar nicht aufgezogen worden war. Er blieb genau dort stehen, wo auf dem alten Foto das Steinhaus gestanden hatte. Amber hielt den Atem an, denn in diesem Augenblick wurde ihr klar, dass der geheimnisvolle Brief sie nicht zufällig an ihre Vergangenheit erinnerte. Offenbar hatte jemand sehr genau gewusst, welche Erinnerung sie niemals vergessen würde.Ti.p.pen Sie auf das F.oto, um den voll.ständigen Artikel anz.uzei.gen